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Grußwort "60 Jahre Film des Monats" der Evangelischen Filmarbeit im Deutschen Filmmuseum Frankfurt/Main

Petra Bahr

Grußwort "60 Jahre Film des Monats" der Evangelischen Filmarbeit im Deutschen Filmmuseum Frankfurt/Main
5. Dezember 2011

Petra Bahr

Was haben diese Leute sich nur gedacht, im Herbst des Jahres 1951, als sie bei einer Tagung der Kammer für Publizistik die Jury gründeten, die heute ihr 60jähriges Bestehen feiert? Hatten diese evangelischen Kirchenvertreter sechs Jahre nach dem zweiten Weltkrieg keine anderen Sorgen, als die Menschen mit Empfehlungen voller Pathos in die Lichtspielhäuser zu locken? Links und rechts neben den Kinos ragten noch die Bombenkrater in den Himmel wie schreiende Tiere. Auf alten Fotos ist die Verwundung der Städte noch gut zu sehen. Die modische Kolorierung ändert nichts am Gedächtnis des Schreckens. Die seelischen und moralischen Verwundungen, das unbedingte Vergessenwollen, vor allem der eigenen Schuld, steht den Menschen ins Gesicht geschrieben, die 1951 durch die Wochenschau geistern. Hilft die zweistündige Flucht in den verdunkelten Kinoraum nicht nur dem Vergessen, der Ablenkung, der aus dem Sog der Bilder kommt, die eine heile Welt versprechen, voller Mädchen mit schönen langen Beinen, deren einziges Problem es ist, bei heiterer Musik den richtigen Mann fürs Leben zu finden?

Ich bin mir sicher, dass die Gründung der evangelischen Filmjury im Geraune der kirchlichen Öffentlichkeit ebenso umstritten war wie bei denen, die im Kino eine Art Gegenkirche vermuteten. Für die einen ein unzulässiges Zugeständnis an den kulturellen Zeitgeist, für die anderen eine unbotmäßige Annektierung eines vermeintlich christentumsfreien Raums. In der Tat halte ich diese Entscheidung für eine Entscheidung einer kulturellen Avantgarde im Sinne des Evangeliums. Und sie hat durchaus Bedeutung für die deutsche Filmgeschichte. Deshalb freue ich mich sehr, dass Sie, Frau Dillmann, dieses großartige Museum des Films für diese Feier geöffnet haben. In der Gründungssitzung, bei der ich gerne dabei gewesen wäre, haben sich sehr früh, früher als viele der sogenannten Leitmedien der Zeit, ein paar sensible Beobachter der Zeit nicht von Oberflächen blenden lassen. Hier haben ein paar kluge Christenmenschen verstanden, welche Bedeutung der Film für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts haben kann. Als gewaltige Erzählmaschine, die Menschen aufs Heiterste oder aufs Gefährlichste einlullen, aber eben auch aufrütteln und bewegen kann, der Wahrheit, auch der eigenen Wahrheit, buchstäblich ins Gesicht zu sehen.

Diese Sensibilität für ein noch kommendes Leitmedium ist im Rückblick noch beeindruckender, als wir heute merken, wie schwierig es ist, kulturelle Entwicklungen auf Zukunft hin einzuschätzen. Man stelle sich die Welt der frühen fünfziger Jahre vor. Bilder gibt es nur gedruckt oder als Reklametafeln. Der Comic gilt noch als frivol. Die ersten Frauenzeitschriften machen unter den Bibelkreistischen die Runde. Der Fernsehapparat ist noch lange nicht zum heimlichen Herrgottswinkel avanciert, er geht für drei Stunden auf Sendung und in christlichen Kreisen steht er noch im Keller. Kirchgänger wollen sich mit dieser Teufelskiste nicht erwischen lassen. Kinobesuche sind etwas Besonderes. Vor allem sind sie etwas Prekäres, denn das Kino ist nicht nur der Ort für eine Glamourgegenwelt, die vom mühsamen Alltag der frühen Wirtschaftswunderjahre erlöst, als die Jungen noch auf einen heimlichen Kuss hofften, sondern sie war auch ein Raum der nazistischen Ideologisierung. Und er wurde mehr und mehr zum Raum für eine Art Film, die zum kritischen Spiegel der Wirklichkeit wurde. Filme sind die Tagträume einer Gesellschaft, hatte in den zwanziger Jahren Siegfried Krakauer notiert. Diese Einsicht teilten auch die ersten Jurymitglieder. Und sie haben diese Einsicht an die nächsten Generationen der Juryteilnehmer und -teilnehmerinnen vererbt. Das Filmarchiv bezeugt, bei aller Weiterentwicklung der Geschmäcker, der filmästhetischen Debatten und der ethischen Einschätzungen, diese Grundeinsicht. Filme erzählen mit starken Bildern von uns selbst. Sie erzählen von unseren Abgründen ebenso wie von unseren hochfliegenden Träumen. Sie verarbeiten gesellschaftliche Entwicklungen, bringen uns das Fremde nah und machen das Vertraute fremd. Die Wucht der Bewegung, die von ihnen ausgeht, verlangt nach protestantischer Urteilsbildung.

Als Erbin der langen Tradition der Filmbeauftragten fühle ich mich dem gleichen Erbe verpflichtet. Deshalb danke ich an dieser Stelle allen, die in den Jurys gestritten, argumentiert und vor allem mit allen protestantischen Sinnen, die aus dem Geist der Freiheit kommen, geurteilt haben. Die Jury ist, wenn man so will, eine Art "Wolke von Zeugen", die unsere theologische Auseinandersetzung mit dem Film heute begleitet. Darin ist die Jury sich gleich geblieben, allen Veränderungen zum Trotz, die Sie im Filmarchiv ablesen können, dass sie der Überzeugung ganz praktischen Ausdruck verleiht, dass Filme nach ästhetischer wie nach ethischer Urteilsbildung verlangen und dass das Überlebenswissen, das im Kino erzählt wird, große Nähe zum christlichen Überlebenswissen hat.

Jesus hätte Filme gedreht, wenn er heute lebte. Und in der Kirche dürfen diese Überlebensgeschichten uns nicht kalt lassen. Das Kino hat uns großartige neue Bilder geschenkt für all die verlorenen Söhne, die unfruchtbaren Erzmütter, die bösen Herrscher, die sehnsüchtigen Propheten, die gefallenen Lieblingsjüngerinnen. Sie zu entdecken in der Flut belangloser Bilder soll auch in Zukunft Aufgabe der Jury sein, so wie der Film auch weiterhin ein wichtiges Feld der evangelischen Auseinandersetzung mit der Gegenwartskultur sein wird. Wir verlassen uns auf Sie! Ich danke an dieser Stelle auch einem unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft der evangelischen Filmarbeit, meinem Kollegen und Verbündeten, dem Leiter des Filmkulturellen Zentrums, Karsten Visarius. Er ist ja selbst so etwas wie das wandelnde Filmarchiv der EKD und dann und wann auch meine Jury außer der Reihe. Vielen Dank!


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 11. Mai 2017 15:15